Technisches Forum Kernkraftwerke

Frage 41: Strahlenschutz

Frage A

  • Frage A.1.: Kann das ENSI, bezugnehmend auf seine Beantwortung der Frage 35 eine alternative Methode (im Vergleich zur Methode der Kollektivdosisberechnung) für die Abschätzung der Anzahl von zukünftigen strahleninduzierten Krebserkrankungen bei einem Auslegestörfall der Kategorie „Häufigkeit 1 zu 10 hoch 4 “ nennen und anwenden, die aus seiner Sicht gemäss internationalen Richtlinien korrekt ist?
  • Frage A.2.: Ergeben sich bei der Anwendung einer alternativen Methode gemäss Frage A.1. dieselben Resultate wie mit der vom ENSI bisher verwendeten Methode der Kollektivdosisberechnung? (Die Frage A.2. erübrigt sich, sollte die Frage A1. mit Nein beantwortet werden).
  • Frage A.3.: Aus welchem Grund zieht das ENSI die Verwendung der Methode der Kollektivdosisberechnung, welche von der ICRP und UNSCEAR in dieser Situation abgelehnt wird, einer alternativen Berechnungsmethode vor? (Die Frage A.3. erübrigt sich, sollte die Frage A1. mit Nein beantwortet werden)

Hintergrund zur neuen Frage A

Das ENSI hat bei der Beantwortung der Frage 35 zur prospektiven Abschätzung der Anzahl strahleninduzierter Krebserkrankungen die Methode der Kollektivdosisberechnung (https://youtu.be/12dBcdpY1ik) angewandt. Diese Berechnungsart ist aus Sicht von PSR/IPPNW zur Abschätzung der Anzahl von strahleninduzierten Krebserkrankungen wissenschaftlich korrekt. Das ENSI hat dabei zur Berechnung der Kollektiven Strahlendosis beim hypothetischen Eintreten eines Auslegestörfalls der Häufigkeitskategorie 1 : 10 hoch 4 im KKW Gösgen individuelle Strahlendosen von durchschnittlich 0.3 Millisievert addiert (siehe auch Diapositiv Nr. 14 des Referates von Frau Dr.L.Walsh vom 23.11.2019, untenstehend diskutiert).

Das ENSI hat diese Methode allerdings im Wissen angewendet, dass sie von der ICRP und der UNSCEAR als für prospektive epidemiologische Berechnungen der Anzahl von Strahlenopfern ungeeignet bezeichnet wird. Das ENSI hält diesen Sachverhalt auch in seinem Vorschlag der schriftlichen Beantwortung der Frage 35 mehrfach fest (Seite 3 von 7; Seite 5 von 7 und Seite 6 von 7). Das ENSI formuliert dabei ausdrücklich, dass es dieses Vorgehen lediglich auf Wunsch des Antragsstellers (also PSR/IPPNW Schweiz) entgegen den internationalen Empfehlungen – insbesondere der ICRP – angewendet hat.

Es interessiert PSR/IPPNW deshalb, ob es aus Sicht des ENSI eine alternative Methode zur Abschätzung der Anzahl von zukünftigen strahleninduziertem Krebserkrankungen bei einem Auslegestörfall der Kategorie „Häufigkeit 1 zu 10 hoch 4 “ gibt, die aus Sicht des ENSI gemäss internationalen Richtlinien korrekt ist. Dabei stellt sich auch die Frage, ob sich mit einer solchen alternativen Methode eventuell andere Resultate hinsichtlich Anzahl von strahleninduzierten Krebsfällen durch einen Auslegungsstörfall der Kategorie „Häufigkeit 1 zu 10 hoch 4 “ ergeben, ferner die Frage, weshalb die eine der anderen Methode vorgezogen wird.

Frage B

  • Frage B.1.: Wie lautet die Antwort des ENSI auf den 4. Teil der Frage 35 unter Berücksichtigung der Tatsache, dass von PSR/IPPNW dabei explizit nicht nach „akuten“ Strahlenexposition sondern einer typischen Exposition Rahmen eines nuklearen KKW-Unfalls gefragt wurde (ursprüngliche Fragestellung: welche „statistischen Nachweise“ bezüglich der 100 mSv Dosis, ab der gemäss Ansicht des ENSI erste Beeinträchtigungen der Gesundheit nachgewiesen werden können, sind konkret angesprochen – siehe Medienmitteilung vom 23.3.2018: „Mit 100 mSv wird diejenige Dosis als Ausserbetriebnahmekriterium festgelegt, ab der erste Beeinträchtigungen der Gesundheit statistisch nachgewiesen werden können.“)?
  • Frage B.2.: Was für eine Bedeutung misst das ENSI den zahlreichen neuen wissenschaftlichen Studien zu, die unter Verwendung statistischer Methoden durchwegs eine Erhöhung der Krebsinzidenz und / oder Krebsmortalität im Bereich unter 100 Millisievert verlässlich mit einer Strahlenexposition in Zusammenhang bringen?

Hintergrund zur neuen Frage B

Bezüglich des 4. Aspektes der Frage 35 kann uns der Vorschlag der Antwort des ENSI vom 13.2.2019 nicht zufrieden stellen. Vorerst sei die ursprüngliche Frage Nr. 35 (Teil 4 ) von PSR/IPPNW nochmals wörtlich aufgeführt: “Welche „statistischen Nachweise“ bezüglich der 100 mSv Dosis, ab der gemäss Ansicht des ENSI erste Beeinträchtigungen der Gesundheit nachgewiesen werden können, sind konkret angesprochen (siehe Medienmitteilung vom 23.3.2018: „Mit 100 mSv wird diejenige Dosis als Ausserbetriebnahmekriterium festgelegt, ab der erste Beeinträchtigungen der Gesundheit statistisch nachgewiesen werden können.“)?“

  • Die vorgeschlagene Antwort (Seite 6 von 7 der Antwort zu Frage 35) des ENSI lautet bezüglich stochastischen Effekten: „Erst ab einer akuten Dosis von ca. 100 mSv kann unter Verwendung statistischer Methoden eine Erhöhung der Krebsinzidenz verlässlich mit einer Strahlenexposition in Zusammenhang gebracht werden“. PSR/IPPNW hat jedoch nicht nach einer „akuten“ Dosis gefragt, sondern nach derjenigen Dosis, die im Rahmen eines potentiellen Auslegungsstörfalles auftritt. Diese ist gemäss ENSI (Seite 2 von 7) keine akute Dosis, sondern eine über lange Zeit chronisch akkumulierte Dosis, denn: „Die durch ein potenzielles Störfallereignis verursachte Folgedosis wird entsprechend den internationalen Gepflogenheiten für eine Expositionsdauer von einem Jahr nach dem Ereignis berechnet. Damit die Strahlenbelastung der Folgejahre auch berücksichtigt wird, hat das ENSI für die Betrachtung der gesundheitlichen Folgen die errechneten Dosiswerte mit einem Faktor 2 multipliziert.“
  • Die vorgeschlagene Antwort (Seite 6 von 7 der Antwort zu Frage 35) des ENSI lautet bezüglich stochastischen Effekten: „Erst ab einer akuten Dosis von ca. 100 mSv kann unter Verwendung statistischer Methoden eine Erhöhung der Krebsinzidenz verlässlich mit einer Strahlenexposition in Zusammenhang gebracht werden“. Der Artikel von PSR/IPPNW in der Schweizerischen Ärztezeitung SAeZ (Literaturreferenz 2) vom 30. Mai 2018 war der ursprüngliche Anlass für die aktuelle Diskussion über Strahlenschutz am TFK des ENSI. Die in der SAeZ genannten neuen, ausführlichen epidemiologischen Studien zu den Gesundheitseffekten niedriger ionisierender Strahlendosen bei grossen Kollektiven weisen vielfach – entgegen der erwähnten Darstellung des ENSI – statistisch signifikante Risikoerhöhungen für maligne und nicht-malige Erkrankungen bei Exposition gegenüber ionisierenden Strahlen mit Dosen deutlich unter 100 Millisievert nach – somit definitionsgemäss im „low-dose Bereich“. Die statistische Signifikanz ist zweifelsfrei gegeben. Auch bei der neuesten Aufdatierung der Resultate der Life Span Study (LSS, Grant et al. 2017, Literaturreferenz 1) zu den gesundheitlichen Folgen durch ionisierende Strahlung bei japanischen Atombombenüberlebenden fanden sich für Strahlendosen im Low-Dose Bereich (zwischen 0 und 100 Millisievert) eine signifikante Risikoerhöhung für Krebsmortalität (Zitat: “The lowest dose range that showed a statistically significant dose response using the sex-averaged, linear ERR model was 0–100 mGy (P = 0.038).” Es stellt sich somit die Frage, was für eine Bedeutung das ENSI diesen zahlreichen neuen wissenschaftlichen Studien zumisst, die durchwegs unter Verwendung statistischer Methoden eine Erhöhung der Krebsinzidenz im Bereich unter 100 Millisievert verlässlich mit einer Strahlenexposition in Zusammenhang bringen.
  • Die Lifespan-Studie (LSS) bezüglich japanischen Atombombenüberlebenden hat vergleichbare statistisch-epidemiologische Risikoanalysen wie die grossen modernen Studien zu Auswirkungen ionisierender Strahlung bei Kernkraftwerkmitarbeitern, zu Radonbelastung in Häusern und beim Uranbergbau, zu radiodiagnostischer Strahlenexposition und zu natürlicher Hintergrundstrahlung verwendet. Auch bei der LSS-Studie – Basis für die geltende Risikoberechnung durch ICRP, UNSCEAR und WHO – handelt es sich um eine epidemiologische Studie, die naturgemäss keinen direkten Kausalitätsbeweis leisten kann. Dies wird auch durch niemanden als Bedingung für die Gültigkeit des auf der LSS basierenden Excess-Absolute-Risk (EAR)-Risikofaktors (wie z.B. durch die ICRP festgelegt) verlangt – somit desjenigen Risikofaktors, den das ENSI für seine Berechnungen anwendet.
  • Wenn das Argument der statistischen Unschärfe angebracht sein soll, dann kann das allenfalls aufgrund des Kenntnisstandes im Jahre 2019 bei niedrigen Strahlendosen zwei Zehnerpotenzen unterhalb der Dosis von 100 mSv in Betracht gezogen werden – wie dies im Referat von Frau PD Dr. L. Walsh vom 23.11.2019 zum Ausdruck kommt (roter Bereich im Folgenden wiedergegebenen Diapositiv Nr. 14, entsprechend Bereich um 1 Millisievert).

Frage C

Nach welchen Kriterien entscheidet sich das ENSI, die Empfehlungen der ICRP103 aus dem Jahre 2007 in gewissen Fragen des Strahlenschutzes (beispielsweise der Beurteilung der gesundheitlichen Relevanz von Strahlendosen unterhalb von 100 Millisievert) zu befolgen und sich andererseits in gewissen Fra-gen des Strahlenschutzes (zum Beispiel der Methodik der Kollektivdosismethode zur Berechnung der Anzahl strahleninduzierter Krebstodesfälle durch niedrige Strahlendosen unterhalb von 1 Millisievert) den Empfehlungen der ICRP103 von 2007 zu widersetzen (vergleiche Beantwortung der Frage 35)?

Hintergrund zur neuen Frage C

Selbst wenn sich das ENSI mehrheitlich auf die überholte ICRP103-Richtlinie aus dem Jahr 2007 beruft, ist dennoch offensichtlich, dass die ICRP103-Empfehlungen für das ENSI offenbar nur bedingt verbindlich sind (siehe Entscheid des ENSI zur Verwendung der in Frage A. zitierten Kollektivdosis-Berechnungsmethode, was eindeutig der ICRP103-Richtlinie widerspricht). Es ist deswegen nicht nachvollziehbar, weshalb sich das ENSI gerade im Bereich des für die Bevölkerung wichtigen Strahlenschutzes starr auf überholte Studienresultate und Richtlinien (die ICRP103 datiert von 2007) bezieht, wo man gemäss Vorsorgeprinzip im Interesse der Bevölkerung aufgrund neuester wissenschaftlicher Studien eindeutig eine Anerkennung der Schädlichkeit von Strahlendosen unter 100 Millisievert vertreten müsste.

Thema Bereich
Eingegangen am 25. Mai 2019 Fragestellender Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung/zur Verhütung des Atomkriegs PSR/IPPNW
Status offen Beantwortende Instanz