„Die Schweizer KKW weisen hohe Sicherheitsmargen auf“

Der Peer Review des Schweizer Länderberichts zum EU-Stresstest hat den Schweizer Kernkraftwerken gute Noten gegeben.  Im Interview sagt Bojan Tomic, Leiter des Peer Review Teams, dass die Schweizer Kraftwerke trotz des Alters gewisser Anlagen, in vielen Fällen über hohe Sicherheitsmargen bei Extremereignissen verfügen. Er sieht unter anderem das ständige Nachrüsten als Ursache dafür.

Bojan TomicIm Rahmen des EU-Stresstests geht es vor allem um die Frage, ob die Kernkraftwerke sicher sind. Wie sicher sind die Schweizer Anlagen Ihrer Ansicht nach?

Die Absicht des EU-Stresstests war nicht eine Inspektion der Sicherheit der einzelnen Kernkraftwerke. Dies ist die Aufgabe und die Verantwortung der Aufsichtsbehörden der jeweiligen Länder, die am EU-Stresstest teilgenommen haben. Was die Schweiz angeht, habe ich den Eindruck, dass das ENSI die Arbeit gut macht. Das ENSI stellt eine umfassende Aufsicht der Sicherheit der Schweizer Kernkraftwerke sicher und entspricht damit europäischen und internationalen Anforderungen und Standards.

Um was geht es im EU-Stresstest dann?

Der Stresstest eine “gezielte Neubewertung der Sicherheitsmargen der Kernkraftwerke bei extremen Naturereignissen, welche die Sicherheitssysteme der Werke beanspruchen und zu schweren Unfällen führen könnten”. Mit anderen Worten: alle Kernkraftwerke mussten aufzeigen, über welche Sicherheitsmargen sie bei hypothetischen schweren Erdbeben, extremen Hochwassern oder extremen Wetterereignissen verfügen. Die definierten „extremen“ Bedingungen überschreiten die Ereignisse, die zu erwarten sind und in einzelnen Fällen sogar physikalisch möglich sind. Weiter wurde die Robustheit der Sicherheitssysteme überprüft, gefolgt von einer Untersuchung der Massnahmen zur Verhinderung schwerer Unfälle und der Massnahmen zur Linderung der Folgen eines schweren Unfalls für die Umwelt und die Bevölkerung.

Und zu welchem Schluss kamen Sie in der Schweiz?

Im Rahmen des Stresstest zeigte es sich, dass die Schweizer Kernkraftwerke hohe Sicherheitsmargen und eine starke Robustheit aufweisen. Der Grund dafür liegt in der gut konzipierten Auslegung aber auch in jahrelangem engagiertem Nachrüsten. Der Stresstest identifizierte in einzelnen Bereichen noch Verbesserungspotential. Diese werden bereits vom ENSI bearbeitet.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Schweizer Vertretern?

Eines der Highlights des EU-Stresstest-Peer-Reviews war der ungehinderte Informationsaustausch und die offenen Gespräche mit allen Parteien. Vom Länderbericht über den Topical Review in Luxemburg lieferten die Schweizer Vertreter eine grosse Menge an Informationen, diskutierten Sicherheitsaspekte und beantworteten Fragen. Die hervorragende Zusammenarbeit setzte sich auch im Rahmen des Stresstest-Peer-Review-Visit in der Schweiz fort, sowohl beim ENSI als auch beim Besuch des Kernkraftwerks Beznau. Alle benötigten Fakten wurden geliefert, keine Frage blieb unbeantwortet und sowohl Auslegung als auch operationelle Aspekte wurden im Detail erläutert.

Sie haben schon oft Einblick in Kernkraftwerke weltweit gehabt. Wo stehen die Schweizer Kraftwerke im Vergleich zu Anlagen im Ausland?

Ein Vergleich der einzelnen Kernkraftwerke oder der teilnehmenden Länder war nicht Ziel des Stresstests. In vielen Fällen ist ein solcher Vergleich wegen unterschiedlichen Rahmenbedingungen technisch nichtssagend. Wir haben aber festgestellt, dass – trotz des Alters gewisser Schweizer Kernkraftwerke – diese in vielen Fällen über hohe Sicherheitsmargen bei Extremereignissen und einer starken Robustheit verfügen.

Wie sieht Ihr persönliches Urteil aus?

Was mich in der Schweiz besonders beeindruckt hat, waren sowohl das Engagement und die fachliche Kompetenz beim ENSI und bei den Betreibern als auch die enormen Investitionen der Betreiber in die Sicherheit der Kernkraftwerke. Die Berichte, die wir im Rahmen des Peer Reviews gesehen haben, belegen, dass das jahrelange Engagement und die periodischen Sicherheitsüberprüfungen und weiteren Inspektionen massgeblich zur Verbesserung der Sicherheit beigetragen haben.

Sie haben im Rahmen des Peer-Reviews mit Beznau auch das älteste Kernkraftwerk der Welt besucht. Was war Ihr Eindruck?

Obwohl Beznau das älteste Kernkraftwerk ist, das noch in Betrieb ist, hinterlässt es einen guten Eindruck. Unser Besuch vor Ort war kurz, ermöglichte uns aber dennoch einen Einblick in viele Details der Sicherheitsausrüstung. Einzelne Anlagen, wie beispielsweise der Notstandleitstand NANO, beeindrucken in Sachen Robustheit. Besonders interessant waren die Vorkehrungen zu Verhinderung von Unfällen und die Leitfäden wie SAMG zur Bewältigung eines schweren Unfalls. Das Konzept und die detaillierten Pläne zur weiteren Verstärkung der Robustheit durch Einsatz von Notfallmaterial aus dem externen Lager Reitnau haben wir positiv hervorgehoben.

Worüber wurden Sie informiert?

Wir wurden über die Investitionen in die Sicherheit, die seit den 80er-Jahren in Beznau getätigt wurden und noch geplant sind, informiert. Darunter befinden sich einige Projekte auf hohem Wert, die derzeit umgesetzt werden. Einige davon, wie beispielsweise das Projekt AUTANOVE im Bereich der Notstromversorgung, werden einen direkten positiven Effekt auf die Sicherheit bei Extremereignissen haben, wie sie im Stresstest überprüft wurden. Bemerkenswert ist, dass die meisten dieser Verbesserungsmassnahmen bereits vor Fukushima initiiert wurden. Nur wenige zusätzliche Massnahmen haben sich als Konsequenz aus dem Stresstest ergeben. Mit einigen Verbesserungsmassnahmen im Sicherheitsbereich, die in Beznau bereits umgesetzt wurden, müssen sich Kernkraftwerke in anderen Ländern erst noch befassen.

Welche Massnahmen empfehlen Sie der Schweiz, um die Sicherheit der Kernkraftwerke weiter zu verbessern?

Das Peer Review Team hat einige Empfehlungen formuliert, die den Sicherheitsstandard weiter verbessern. Mängel wurden im Zusammenhang mit den Brennelementlagerbecken identifiziert. Weiter sollte die Beherrschung des unfallbedingten Anstiegs der Wasserstoffkonzentration im Containment durch das gefilterte Druckentlastungssystem genauer analysiert werden. Auch die Kombination von extremen Wetterereignissen sollte vertiefter angeschaut werden, woraus spezifische Verbesserungsmassnahmen resultieren könnten. Einen guten Eindruck machte uns, dass das ENSI einen klaren Fahrplan für die Bearbeitung dieser Punkte hat.

Bojan Tomic

Dipl.-Ing. Bojan Tomic leitet ein achtköpfiges internationales Expertenteam aus Belgien, Finnland, Österreich, Rumänien, Schweden, Slowenien und Spanien, das die Schweizer Kernkraftwerke im Rahmen des EU-Stresstests beurteilt. Der gebürtige Kroate sammelte Erfahrung bei der US-Reaktorbau-Firma Combustion Engineering. 1987 kam er zur IAEA, wo er Senior Officer für spezielle Sicherheitsanalysen war. Seit 1994 ist er Geschäftsführer bei ENCO, einem in Europa und Asien tätigen Unternehmen, das auf Sicherheitsanalysen für Kernenergietechnologie spezialisiert ist.