Stilllegung KKW Mühleberg: Die Aufsicht bleibt

Am 20. Dezember 2019 geht das Kernkraftwerk Mühleberg vom Netz – es ist die erste Stilllegung eines kommerziellen Kernkraftwerks in der Schweiz. Was das Pionierprojekt für die Arbeit des ENSI bedeutet, erklärt Torsten Krietsch, Leiter der Sektion Stilllegung bei der Aufsicht.

Die Stilllegung des Kernkraftwerks Mühleberg (KKM) ist ein Novum in der Schweiz. Wie kann da die Sicherheit gewährleistet werden?

Torsten Krietsch, Leiter der Sektion Stilllegung

Torsten Krietsch: Die Verantwortung für die Sicherheit des KKM liegt auch während der Stilllegung bei der Betreiberin BKW. Das ENSI beaufsichtigt die nukleare Sicherheit und Sicherung entsprechend Artikel 70 des Kernenergiegesetzes. Wir haben dafür auf der Grundlage internationaler Erfahrungen und Vorgaben sowie der Erfahrungen mit den Stilllegungsprojekten von Forschungsreaktoren ein eigenes Aufsichtskonzept erarbeitet. Das ermöglicht uns, die anstehende Aufsicht über die Stilllegung wirkungsvoll, systematisch und dennoch flexibel zu planen und durchzuführen.

Wie lange beschäftigt sich das ENSI bereits mit der bevorstehenden Stilllegung?

Mit den Vorarbeiten haben wir bereits vor sechs Jahren begonnen. Das ENSI hat eine spezifische Richtline zur Stilllegung erlassen, welche die rechtlichen Vorgaben der Kernenergiegesetzgebung konkretisiert. Zu den Arbeiten im Vorfeld gehörten auch die Abklärungen rechtlicher Fragen und die Koordination mit anderen Bundesbehörden und kantonalen Ämtern. Das ENSI war beispielsweise in das Verfahren des Bundes zur Erteilung der Stilllegungsverfügung involviert und hat ein sicherheitstechnisches Gutachten zum Stilllegungsprojekt der BKW verfasst.

Der Rückbau wird 2034 abgeschlossen sein. Wo liegen bis dahin die Aufsichtsschwerpunkte?

Die in der Anlage vorhandenen radioaktiven Abfälle werden gemäss dem Gesetz behandelt und für das geologische Tiefenlager bereitgestellt. Dabei darf es zu keinen nennenswerten Abgaben an die Umgebung kommen. Das ENSI überwacht in diesem Sinne vom fachgerechten Rückbau der Anlage bis zur Zwischenlagerung der verpackten Abfälle alle Arbeitsschritte. Insbesondere beaufsichtigt das ENSI die Befreiung der Anlage inklusive des Areals aus der Strahlenschutzgesetzgebung. Die Arbeit des ENSI ist beim KKM dann beendet, wenn die Gebäude und das Areal freigemessen sind und somit gemäss dem Gesetz keine radiologische Gefahrenquelle mehr darstellen.

Nimmt das Gefährdungspotenzial der Anlage nach der Abschaltung ab?

Nach der Ausserbetriebnahme sinkt das Gefährdungspotenzial zunächst durch den vollständigen Zerfall des Jods 131. Danach wird es hauptsächlich durch die Aktivität der Brennelemente im Lagerbecken bestimmt. Mit dem Abklingen der Brennelemente über einen Zeitraum von vier Jahren nimmt das Gefährdungspotenzial weiterhin stetig ab. Nach der Auslagerung aller Brennelemente in das Zwischenlager Würenlingen ist das Gefährdungspotenzial am Standort soweit reduziert, dass lediglich aktivierte und kontaminierte Anlagenteile verbleiben. Hierbei sind 99 Prozent der Radioaktivität fest in die metallischen Materialstrukturen des Reaktordruckbehälters und der umgebenden Betonstrukturen eingebunden und durch die Bedingungen des Rückbaus, beispielsweise durch Anwendung von Zerlegetechniken, nur begrenzt freisetzbar. Neben dem Rückbau und der Entsorgung des aktivierten Materials verbleiben noch Kontaminationen von Systemen und Gebäuden. Dieses Inventar liegt deutlich unter den für den Betrieb des KKM geltenden Jahresabgabelimiten. Näheres dazu findet man im sicherheitstechnischen Gutachten des ENSI.

Inwiefern verändert sich jetzt die Rolle des ENSI durch den Übergang vom laufenden Betrieb zur Stilllegung?

Für die Aufsicht ändert sich beim Übergang zur Stilllegung nicht viel. Die Etablierung des technischen Nachbetriebs ist für das ENSI eine vergleichbare Arbeit  wie die Aufsicht über Anlageänderungen während der Betriebszeit.

Wie geht es danach weiter?

Danach setzen wir sukzessiv folgende Schwerpunkte: Zunächst geht es weiterhin um die sicherheitstechnische Überwachung zur Kontrolle der Reaktivität und der Kühlung der Brennelemente, solange sich noch Brennelemente in der Anlage befinden. Wenn danach die aktivierten und kontaminierten Teile aus der Anlage entfernt werden, wird sich der Fokus in der Aufsicht mehr in Richtung radiologischer Überwachung verschieben.

Welche Arbeiten kommen beim eigentlichen Rückbau auf das ENSI zu?

Das ENSI prüft die relevanten Dokumente für den Rückbau und erteilt Freigaben für jede Rückbauphase wie auch für die wesentlichen Rückbauschritte. Die aufsichtliche Begleitung erfolgt durch Inspektionen. Ausserdem führen wir mit dem KKM regelmässige Status- und Fachgespräche durch.

Wenn jede Rückbauphase vom ENSI freigegeben werden und der Zustand der Anlage immer wieder neu beurteilt werden muss, erhöht das die Anzahl Inspektionen im Vergleich zum Leistungsbetrieb?

Im Leistungsbetrieb wurden die Inspektionen überwiegend fachgebietsbezogen mit einer festen Periodizität vorgenommen. Wo es nötig ist, werden diese periodischen Fachinspektionen weitergeführt. Während der Stilllegung werden zusätzliche Inspektionen entsprechend dem Projektfortschritt durchgeführt, da die Anlage einem ständigen Wandel unterliegt. Die Anzahl der Inspektionen wird jedoch mit dem Fortschreiten des Rückbaus tendenziell abnehmen.

Welche Bereiche werden diese Inspektionen betreffen?

Zukünftig werden das verstärkt fachübergreifende Teaminspektionen sein. Das ENSI ist dabei besonders um die nukleare Sicherheit und Sicherung, den Rückbau, den Strahlenschutz des Personals und der Bevölkerung, die Aspekte von Mensch und Organisation und die Entsorgung radioaktiver Abfälle besorgt. Da die Anlage im Rückbau eine Baustelle darstellt, werden die Themen Arbeitssicherheit und radiologische Sicherheit des Personals zunehmend in den Vordergrund treten. Das Abfallmanagement spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Deshalb wird auch der gesamte Abfallweg bis zur Zwischenlagerung bzw. Deponierung für das ENSI eine entsprechende Rolle spielen.